Der alte Apfelbaum

Der Garten sei einmal wunderschön gewesen, so erzählte der alte Apfelbaum jeden Tag seinen Früchten. Er spürte es in seinen Blättern, die nicht mehr grün sein wollten, und in seinen Wurzeln, die jetzt wieder mehr Wasser bekamen: die Jahreszeit änderte sich schon wieder. Noch hingen seine Äpfel an den Zweigen. Dick und rund waren sie geworden, den ganzen Sommer hatten sie in der brütenden Hitze gehangen und die Energie der Sonne in ihrem Fruchtfleisch gespeichert. Die kühlen Regenschauer hatten sie wie willkommene Duschen genossen. Der Regen stillte den Durst des Baumes, der wiederum sein Früchte mit dem köstlichen Saft versorgte. Jetzt würde der Baum nicht mehr viel Zeit haben, um seinen Äpfeln von dem alten Garten zu erzählen, der einst so prächtig gewesen war. Die Buxbüsche waren viel zu groß geworden und verschlangen die Wege, die sie einst umsäumten. Der saftig grüne Rasen war einem Wildwuchs aus dürren Spieren gewichen, das jetzt unkontrolliert über die Gemüserabatten herrschte. Ja, die Menschen, die in dem kleinen Haus wohnten, das zu seinem Garten gehörte, waren mit dem Baum alt geworden und konnten sich nicht mehr um das einst so schöne Fleckchen Erde kümmern. Aber jedes Jahr, wenn es an die Zeit zum Ernten der Äpfel war, da kamen sie zu dem Baum und pflückten seine Früchte. Diese Geschichte erzählte er jetzt seinen Äpfeln, denn sie sollten keine Angst vor diesem Tag haben. Er sagte ihnen, wie sie sanft von den Zweigen gedreht und behutsam in einen Korb gelegt werden würden. Und dann erzählte er ihnen von dem ganz besonderen Tag, wenn das Jahr mit der längsten Nacht zur Ende ging und das neue Jahr mit neuem Sonnenschein begann. In dieser Nacht stellten die Menschen einen Tannenbaum in das Wohnzimmer. Der Apfelbaum konnte alles durch das Fenster zu diesem Zimmer sehen, er stand direkt davor. Die Menschen hängten goldenes Lametta in die Zweige der Tanne und dazu Kerzen in Halterungen aus Silber. Und dann kam das Beste: sie polierten die schönsten Äpfel des alten Baumes mit einem Stückchen Speck, bis sie so rot glänzten, dass sich das Kerzenlicht in ihnen spiegelte und hingen sie neben den goldenen Fäden in die Zweige des Baumes. Früher, als noch Kinder in dem Haus gelebt hatten, legten die zwei Menschen bunt verpackte Geschenke unter die Zweige der Tanne und als die Kerzen im Tannenbaum brannten, durften die Kinder in das Zimmer kommen. Das war vielleicht ein Leben, dass dann in diesem Zimmer herrschte, wenn alle durcheinander redeten und das bunte Papier in Fetzen gerissen wurde. Wenn die Geschenke ausgepackt waren, durfte sich jedes Kind einen Apfel vom Baum nehmen und ihn essen. Wie sie da standen, mit vor Aufregung geröteten Wangen und jedes sich anstrengte, dass es auch ja den ausgesuchten Apfel zu Essen bekam, machte den alten Baum sehr stolz auf seine Früchte. Er spornte jeden seiner Äpfel an, so rot und rund und saftig zu werden, wie er nur konnte. Nur dann würde der Apfel an diesem Abend gegessen werden und nur, wenn er gegessen wurde, hatten die Samenkörner in seinem Inneren die Möglichkeit, einen neuen Baum zu gründen.
Doch dieses Jahr war es anders. Der Baum spürte nicht nur die Veränderung der Jahreszeit, auch das Haus hatte sich verändert. Ja, die Menschen waren alt geworden, so wie der Baum. Er hatte die Alten schon lange nicht mehr gesehen und jetzt waren junge Menschen da und mit den neuen Menschen auch wieder Kinder. Die Kinder hatten schon öfter im verwilderten Garten gespielt. Sie waren auch zum Apfelbaum gekommen und hatten die noch unreifen Früchte auf der Südseite gepflückt. Jetzt hing dort nur noch ein einziger Apfel, der in der Sonne dick und rund und rot werden konnte. Die Kinder hatten in die unreifen Äpfel gebissen und das saure Fleisch sofort wieder ausgespuckt. So unreif schmeckten die Äpfel nicht und der Samen war auch noch grün, daraus konnten keine neuen Bäume wachsen. Diese Früchte waren verloren, die ganze Arbeit, die der Baum mit ihnen gehabt hatte, war umsonst gewesen. Der letzte Apfel auf der Südseite war ein furchtsames Früchtchen, das sich gut vor den Kindern versteckt hatte. Aber es war ein guter Apfel gewesen, der die ganze Südseite des Baumes für sich allein gehabt hatte. Jetzt, zur Erntezeit war er prall mit den guten Gaben des Sommers gefüllt. Doch niemand kam und pflückte ihn und seine Brüder. Langsam fegte der Wind die jetzt rot in der goldenen Herbstsonne leuchtenden Blätter von seinen Ästen und ungeduldig warteten die Äpfel auf die großen Weidenkörbe. Der Baum hatte Angst, dass dieses Jahr seine Äpfel einfach auf den Boden fielen und dort verschimmelten. Die Arbeit eines ganzen Jahres wäre umsonst gewesen. Der letzte Herbstmorgen erhob sich silbern über Nebelfelder, als der Baum seine Äpfel letztendlich loslassen musste. Der furchtsame Apfel auf der Südseite protestierte, er wollte noch nicht weg von seinem Baum. Er wollte an seinem Zweig warten, bis die Vögel kamen und ihn mitnahmen. Grade, als der Baum die letzten Fasern von dem Apfel löste, hörten sie Schritte durch den Nebel herannahen und das kleinste der Kinder kam in viel zu großen grünen Gummistiefeln zu dem Baum. Es blieb unter dem letzten Apfel auf der Südseite stehen. Das Kind hob seine Arme, aber natürlich kam es nicht an die hoch im Geäst hängenden Frucht heran. Da rief die Mutter: „Julia, Julia, wo bist du?“
Da lief das kleine Mädchen zurück ins Haus. Kurz darauf kam sie mit der Mutter zurück. Die Mutter hatte einen großen Korb am Arm und einen Apfelpflücker in der Hand und endlich wurde der Apfelbaum geerntet. Dass er erleichtert aufseufzte, konnte die Mutter nicht verstehen, doch das Mädchen streichelte über dem Baum dankbar über die rissige Borke.
Als der Tag der längsten Nacht heranbrach, schmückte auch dieses Jahr ein Tannenbaum das Wohnzimmer. Es war ein äußerst milder Tag, der Schnee noch fern. Der Apfelbaum konnte alles durch die frisch geputzten Scheiben sehen. Jetzt brannte eine Lichterkette statt Kerzen und die Eltern hingen Kugeln in die Tanne. Wie gerne hätte der Apfelbaum noch einmal seine Früchte glänzen gesehen, aber für Äpfel blieb kein Platz in der Weihnachtstanne. Als er fertig geschmückt war und die vielen bunten Pakete unter den Zweigen einen Platz gefunden hatten, öffnete die Mutter das Fenster. Jetzt konnte der Baum endlich verstehen, was die Menschen im Wohzimmer sagten. Der Vater ging hinaus und rief die Kinder, damit sie ins Wohnzimmer kommen sollten. Doch die Mutter rief erschrocken hinter ihm her, sie hätte noch etwas Wichtiges vergessen! Da holte sie den Korb mit den auf Hochglanz polierten Äpfeln und hing für jeden einen in die Weihnachtstanne. Dazu erzählte sie ihrem Mann die Geschichte, wie ihre Großeltern jedes Jahr einen Apfel vom Baum vor dem Fenster in die Weihnachtstanne gehängt hatten. Dazu erzählte die Großmutter, die Äpfel seien das größte Geschenk an diesem Abend, denn sie symbolisierten die Gabe des Lebens. Der Apfelbaum wuchs vor Stolz in diesem Moment einen vollen Zentimeter, als er den großen Südapfel ganz vorne in der Tanne, nicht sehr hoch über dem Boden hängen sehen konnte. Da kamen die Kinder und stürzten aufgeregt zu den Geschenken. Doch die kleine Julia interessierte sich noch nicht für ihre Päckchen. Sie stand staunend vor dem Weihnachtsbaum und den mit Speck polierten Südapfel. Sie streckte ihre kleinen Händchen als erstes zu der süßen Frucht und als sie in das Fleisch hinein biss, konnte sogar der Baum draußen noch das laute Knacken der hochreifen Schale hören. Julia schloss genießerisch die Augen, als sie ihren Apfel bis zum Gehäuse abknabberte. Sie lief mit dem Überrest hinaus und kam bald darauf mit einem Blumentopf voller Erde zurück, den sie auf das Fensterbrett stellte. Sie sah zu dem alten Apfelbaum vor dem Fenster und sagte: „Lieber Apfelbaum. Deine Äpfel sind die leckersten der Welt. Ich passe gut auf deinen neuen Baum auf, damit er uns jedes Jahr zu Weihnachten leckere Weihnachtsäpfel schenken kann.“
An dem alten Baum wuchsen noch viele Jahre lang die besten und saftigsten Weihnachtsäpfel und Julia wurde in dieser Zeit, wie der neue Apfelbaum, immer größer. Doch jedes Jahr ernete sie die roten Früchte und hing sie in die Weihnachtstanne.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen